Kirchen im Avers und Val Ferrera

Dem Himmel ein wenig näher ...

 

Herzlich willkomma! Bagnavagnieu! 

Dem Himmel tatsächlich ein weniger näher – so stehen die vier Kirchen im Val Ferrera und im Avers seit Jahrhunderten als markante Wegmarken in der Landschaft. Und so möchten wir als Evangelisch-reformierte Gemeinden auch heute Kirche sein: markante und ermutigende Zeichen auf dem Weg der Menschen, die in unserer Talschaft wohnen oder sie besuchen. Und dem Himmel näher, indem wir uns von der befreienden Botschaft des Evangeliums inspirieren lassen und dabei offene, einladende Gemeinschaft untereinander leben.

Seien Sie herzlich willkommen in der höchsten Kirchgemeinde Europas – unsere Türen stehen auch Ihnen offen! 

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27.09.2022

Dem Verlorenen auf der Spur - Gedanken zur Herbstzeit

Worin besteht eigentlich die Aufgabe der Kirche? Wenn ich die kirchliche Höhepunkte der vergangenen Monate Revue passieren lasse, so denke ich als erstes ans gemeinsame Feiern, sei es anlässlich der sommerlichen Alpgottesdienste oder auch am Jubilarengottesdienst in Juppa. Neben dem frohen Beisammensein geht es in allen Gottesdiensten aber noch um mehr: Es geht darum, dass wir uns Gedanken darüber machen, was unser Leben ausmacht, was es hält und erhält. Und es geht auch darum, dass wir uns fragen, wo uns das Wesentliche des Lebens zu entgleiten droht, wo wir Wichtiges und Tragendes verloren haben.
Ein Gleichnis aus dem Lukasevangelium kann für diese innere Suche ein Bild sein:

Welche Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verloren hat, zündet nicht ein Licht an, kehrt das Haus und sucht eifrig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird man sich freuen im Beisein der Engel Gottes über einen Sünder, der umkehrt. (Lukas 15, 8-10)

Eine Frau hat eine Drachme verloren, das entspricht in etwa dem Tageslohn eines Arbeiters. Das ist nicht wenig, aber auch nicht viel. Es ist so viel, wie man zum Leben braucht. Und somit wird diese Drachme zum Symbol für das Geschenk des Lebens schlechthin; ein Geschenk, das wir von Tag zu Tag neu bekommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die verlorene Drachme wiederum wird damit zum Bild für diejenigen Momente im Leben, wo uns das Wesentliche, das Wichtige abhanden zu kommen scheint – wo wir das Leben selbst zu verlieren scheinen, weil wir zu viel oder zu wenig dafür tun: Entweder wir packen zu viel auf dieses tägliche Geschenk, und das Leben zerbricht unter der Last all dessen, was wir hineinzustopfen versuchen. Oder das Leben verliert an Bedeutung, weil wir keine Hoffnung mehr haben, weil uns Perspektiven abhanden gekommen sind, weil wir träge und müde geworden sind. – Einfach zu leben, nicht zu viel und nicht zu wenig zu wollen, es ist wohl etwas vom Schwierigsten, was uns Menschen an Lebensaufgaben aufgetragen worden ist.
Die Frau hat die Drachme verloren. Aber sie beklagt sich nicht darüber. Sie lässt auch nicht jemand Anderes die Arbeit machen. Sie geht selbst auf die Suche nach der Drachme. Sie geht selbst auf die Suche nach dem Leben. Sie geht und fegt das Haus. Oft hören wir: «Kehr zuerst vor der eigenen Tür!» Aber VOR der Tür zu kehren, geschieht vor allem in der Absicht, dass man nach aussen eine gute Falle macht. Hier geht es um eine innere Arbeit, um die Arbeit im eigenen, inneren Haus. «Kehr in deinem eigenen Haus! Putz in dir, such in dir, bis du das Verlorene gefunden hast!», sagt uns das Gleichnis.
Und dies ist eine zentrale Aufgabe der Kirche: Menschen dazu zu führen, in sich selbst rein zu machen, in sich selbst das Leben, dieses immer wieder neue Geschenk aus Gottes Händen, zu suchen und dankbar über dieses Geschenk zu staunen.
Und noch ein Letztes: Das Reinigen im Haus, es ist allen Jüdinnen und Juden bekannt. Vor dem Passafest wird das Haus von unten bis oben durchgeputzt und die alten Brotkrumen weggefegt. Das Haus wird bereit gemacht zum Passafest, zum Fest der Erinnerung an die Befreiung des Volkes Gottes aus Ägypten. Für uns Christinnen und Christen fällt dieses Befreiungsfest zusammen mit dem Feiern der Auferstehung Jesu. So weist uns das Gleichnis der verlorenen und wiedergefundenen Drachme auch auf die Auferstehung hin: Die Drachme zu suchen, heisst auch Auferstehung zu suchen. Dazu sollen wir unser Lebenshaus reinigen, auf den Kopf stellen, solange, bis wir diese lebendige Hoffnung, dieses Neue Leben in uns finden. In dieser Gewissheit dürfen wir im Glauben wachsen. Alleine und gemeinsam - auch dazu sind wir als Kirche miteinander unterwegs.
Eine gute Herbstzeit wünscht Ihnen
Pfr. Jürg Scheibler



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